Es gibt eine besondere Zeit im Jahreskreis, in der die Natur noch einmal richtig aufblüht, bevor der Herbst beginnt: Mitte August bis Mitte September. Für mich ist es die schönste Zeit im Jahr und das nicht nur, weil ich zu dieser Zeit geboren wurde. Ich mag es, dass die Sonne noch Kraft hat, aber nicht mehr allzu heiß scheint. Die Tage sind angenehm warm und die Abende lau. Ich mag auch diese besonderen Nächte mit Sternschnuppen und Glühwürmchen. Auf den Wiesen finden wir nun viele Kräuter, die nochmal ihre Kräfte bündeln und oft zum zweiten Mal blühen. Die Holunderbeeren werden dunkel und Brennnesselnüsschen reif. Und ein bißchen können wir bereits spüren, dass sich die Natur langsam auf den Rückzug vorbereitet. Bei Kräuterkundigen wird diese besondere Zeit die Frauendreißiger genannt.
Was sind die Frauendreißiger?
Der Name bezeichnet traditionell die Zeit von etwa Mitte August bis Mitte September. Je nach Region gibt es unterschiedliche Zeiträume; häufig werden die Frauendreißiger vom 15. August bis zum 15. September gezählt. Ihren Namen verdankt diese Zeit den zahlreichen Marienfesten, die in diesen Wochen im christlichen Kalender liegen:
- 15. August – Mariä Himmelfahrt
- 22. August – Mariä Königin
- 8. September – Mariä Geburt (und auch meine)
- 12. September – Mariä Namen
- 15. September – Gedächtnis der Schmerzen Mariens
Besonders Mariä Himmelfahrt ist bis heute eng mit der Kräutertradition verbunden. Denn genau in dieser Zeit wurden und werden Heilpflanzen gesammelt, zu Kräuterbuschen gebunden und vielerorts in der Kirche gesegnet.
Doch warum gerade jetzt?
Die zweite Kraft des Sommers
Wenn wir aufmerksam durch die Natur gehen, können wir im August einen erstaunlichen Wandel beobachten: Die große Blüte des Frühsommers ist vorüber, doch viele Pflanzen geben noch einmal alles: Die Goldrute beginnt zu blühen, Wildfrüchte wie Vogel- und Holunderbeeren werden reif und zahlreiche Wildkräuter treiben nach dem ersten Rückschnitt noch einmal kräftig aus. Viele Pflanzen blühen sogar ein zweites Mal. Es wirkt, als würde die Natur ein letztes Mal ihre ganze Kraft sammeln, bevor der Herbst kommt.
Auch astrologisch verändert sich die Qualität dieser Zeit: Die Sonne wandert vom feurigen Löwen in die erdende Jungfrau.
Vom Ausdruck zur Ordnung.
Vom Spielen zum Alltag.
Vom Ego zur Heilung.
Vielleicht spüren wir deshalb gerade jetzt diesen besonderen Übergang so deutlich.
Freya und Maria
Wie bei vielen Festen des christlichen Jahreskreises finden sich auch bei den Frauendreißigern ältere Vorstellungen unter der späteren christlichen Tradition. In vorchristlichen germanischen Vorstellungen wurde diese Zeit mit Freya, der Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit verbunden. Mit der Christianisierung wurden dann viele dieser Pflanzen und Bräuche mit Jesus Mutter Maria in Verbindung gebracht.
Das ist besonders spannend, wenn man sich anschaut, welche Pflanzen traditionell als Frauen- oder Marienpflanzen gelten: Schafgarbe, Labkraut und Frauenmantel gehören beispielsweise dazu. Sie stehen für Heilung und Weiblichkeit – Themen, die sowohl mit Freya als auch später mit Maria verbunden wurden.
So wandelten sich Namen und religiöse Vorstellungen, während die Verbindung zwischen Mensch, Pflanze und Jahreszeit erhalten blieb.
Ein Kräuterbuschen zu Mariä Himmelfahrt
Eine der schönsten Traditionen dieser Zeit ist der Kräuterbuschen. Dafür werden verschiedene Heil- und Wildpflanzen gesammelt und zu einem Bündel zusammengebunden. Die Anzahl der verwendeten Kräuter ist dabei traditionell nicht zufällig: Je nach Region werden beispielsweise 7, 9, 12, 14, 24, 72 oder 99 Pflanzen verwendet. Jede dieser Zahlen trägt ihre eigene symbolische Bedeutung. Der fertige Kräuterbuschen wird an Mariä Himmelfahrt am 15. August zur Segnung in die Kirche gebracht. Durch die Weihe soll die Heilkraft der Pflanzen verstärkt werden. Anschließend wird der Kräuterbuschen getrocknet und über das Jahr aufbewahrt. Im Winter können dann einzelne Kräuter daraus für Tee oder Räucherungen verwendet werden. Gleichzeitig gilt der Kräuterbuschen als Schutz für Haus, Hof und Familie – sogar vor Unwettern und Blitzschlag. So wird aus einer Sammlung von Pflanzen ein lebendiger Vorrat für die dunklere Jahreshälfte.
Ich binde mir seit ein paar Jahren innerhalb der Frauendreißigern auch einen Kräuterbuschen, meist aus 7 bis 9 verschiedenen Kräutern und segne ihn selbst mit ein paar Worten des Dankes und der Bitte um Heilkraft und Schutz. Es ist ein schönes Ritual, dass jeder, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit, durchführen kann, denn es verbindet uns mit den Wildpflanzen in unserer direkten Umgebung.
Die Frauendreißiger als Übergangszeit
Was mich an den Frauendreißigern besonders fasziniert, ist ihr Charakter als Zwischenzeit: Der Sommer ist noch nicht vorbei, aber der Herbst kündigt sich bereits an. Die Pflanzen stehen noch in ihrer Kraft und gleichzeitig tragen sie schon Früchte und Samen. Auch wir können diesen Übergang wahrnehmen. Vielleicht ist jetzt ein guter Moment, nicht sofort nach dem nächsten Ziel zu greifen, sondern zu schauen:
Was ist in diesem Sommer gewachsen?
Welche Erfahrungen möchte ich mit in den Herbst nehmen?
Was darf ich jetzt sammeln und was darf ich langsam loslassen?
Die Natur macht es uns vor: Sie versucht nicht, den Sommer festzuhalten, sondern sie nutzt seine Kraft, um Früchte und Samen hervorzubringen. Und genau darin liegt für mich eine besondere Weisheit dieser Zeit.
Die Frauendreißiger bei Nature Code
In meiner Arbeit, die ich Nature Code™ nenne, interessiert mich genau diese Verbindung zwischen dem äußeren Naturzyklus und unseren inneren Bewegungen. Die Jahreskreisfeste und auch besondere Zeiten wie die Frauendreißiger erinnern uns daran, dass wir nicht das ganze Jahr über gleich funktionieren müssen. Es gibt Zeiten für Aufbruch. Zeiten für Wachstum. Zeiten für Fülle. Und Zeiten der Stille, in denen wir ordnen und uns auf das Wesentliche besinnen. Vielleicht bemerkst Du in diesen Wochen Mitte August bis Mitte September ebenfalls einen Energieumschwung, der sich ganz konkret zeigt:
- die Sonne steht anders
- die Farben verändern sich
- die Luft riecht nach Herbst
- bestimmte Pflanzen werden plötzlich präsenter
- und vielleicht spürst Du, dass etwas in Dir selbst ruhiger werden will
Die Natur gibt uns ständig Hinweise darauf, wo wir im Jahreskreis stehen, wir müssen nur beginnen, sie wieder zu lesen. Die Frauendreißiger sind eine wunderbare Zeit, um Kräuter zu sammeln, Kräuterbuschen zu binden und auch, um bewusst innezuhalten, wahrzunehmen und die Fülle des Sommers bewusst mit in den Herbst zu nehmen. Und genau das nenne ich Nature Code™. Und wenn Du mehr über Nature Code™ wissen möchtest, stöbere gern hier auf meiner Webseite.
