Der Herbst verändert sich nun. Die leuchtenden Farben der Blätter weichen langsam erdigen Tönen. Morgens liegt Nebel über den Wiesen, mancherorts schon der erste Frost, die Luft wird kälter und die Dunkelheit breitet sich immer weiter aus. Was vor wenigen Monaten noch voller Leben und Wachstum war, zieht sich nun zurück. Die Bäume lassen ihre Blätter fallen. Kräuter ziehen ihre Kraft in die Wurzeln zurück. Samen liegen in der Erde und warten auf ihre Zeit. Im Garten wird es stiller und unter der Oberfläche beginnt eine Phase, die wir nicht sehen können: Die Natur erinnert uns nun daran, dass nicht alles sichtbar sein muss, um lebendig zu bleiben. Mit Samhain rund um den 31. Oktober erreichen wir einen besonderen Übergang im Jahreskreis. Die Erntezeit klingt aus, die dunkle Jahreshälfte beginnt und unser Blick wendet sich dem zu, was im Verborgenen liegt. Samhain ist das Jahreskreisfest der Verbindung zu unseren eigenen Wurzeln.
Was bedeutet Samhain?
Ursprung und Bedeutung des keltischen Festes
Samhain wird heute meist in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November zelebriert. Das Fest hat seine Wurzeln in der keltischen Kultur Irlands und anderen gälisch geprägten Regionen. Im traditionellen irischen Jahreskreislauf markierte Samhain den Beginn des Winters und damit den Übergang in die dunkle Hälfte des Jahres. Die Ernte war weitgehend eingebracht, das Vieh wurde von den Weiden zurückgeholt und die Menschen bereiteten sich auf die kalten Monate vor.
Der Name Samhain wird häufig mit „Ende des Sommers“ übersetzt, es könnte aber auch von „sich sammeln“ kommen. Denn für die Menschen damals war dieser Übergang weit mehr als ein Wechsel der Jahreszeit. Er bedeutete eine Veränderung des gesamten Lebensrhythmus. Die Arbeit auf den Feldern trat zurück, die Gemeinschaft rückte enger zusammen und das Leben verlagerte sich zunehmend in die Häuser. Man sammelte sich.
Mit Samhain verbanden sich auch Vorstellungen von der Anderswelt und den Verstorbenen. In irischen Überlieferungen galt diese Zeit als besondere Schwelle, in der die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten durchlässiger sind. Feuer, Räuchern, gemeinsames Essen und verschiedene Schutzbräuche gehören zu den überlieferten Traditionen. Dabei ist wichtig zu unterscheiden: Nicht jede Vorstellung, die wir heute mit Samhain verbinden, lässt sich eindeutig bis in die vorchristliche Zeit zurückverfolgen. Viele Bräuche und Deutungen haben sich über Jahrhunderte verändert und miteinander verbunden. Und doch ist der Grundgedanke dieses Jahreskreisfestes bis heute nachvollziehbar: Samhain markiert einen Übergang. Das Alte geht zu Ende, das Neue liegt noch im Dunkeln.
Samhain und Halloween:
Wie aus dem keltischen Fest das heutige Gruselfest wurde
Wenn wir heute an den 31. Oktober denken, kommen uns wahrscheinlich zuerst geschnitzte Kürbisse, verkleidete Kinder, jede Menge Süßigkeiten und gruselige Dekorationen in den Sinn. Doch Halloween hat eine längere Geschichte: Der Name leitet sich von „All Hallows’ Eve“ ab, dem Abend vor Allerheiligen am 1. November, denn im Laufe der Zeit vermischten sich christliche Gedenktage mit regionalen Bräuchen rund um Samhain. Auch Allerseelen am 2. November, an dem der Verstorbenen gedacht wird, gehört zu diesem Zusammenhang.
Besonders in Irland und Schottland blieben ältere, heidnische Herbstbräuche lebendig. Dazu gehörten Verkleidungen, Spiele, Feuer und Vorstellungen von umherziehenden Geistern. Irische Auswanderer brachten viele dieser Traditionen nach Nordamerika, wo sie sich weiterentwickelten. In Irland wurden ursprünglich große Rüben ausgehöhlt und mit Gesichtern versehen. Auch meine Oma aus dem Münsterland kannte diese Tradition noch aus ihrer Kindheit. In Nordamerika wurde statt der Rübe dann der leichter zu bearbeitende und allerorts vorhandene Kürbis dafür genutzt. So begegnen uns in Halloween heute verschiedene historische Schichten: keltische Jahreszeitentraditionen, christliche Gedenktage und neuere Bräuche. Was als gruseliges Fest mit Geistern und Kostümen gefeiert wird, erzählt deshalb zugleich von einer uralten menschlichen Faszination für die Schwelle zwischen Leben und Tod. Und ich denke, genau das ist der Punkt, an dem Samhain für uns heute wieder interessant wird. Denn hinter all den Masken und dem Grusel liegt eine tiefere Frage: Wie gehen wir mit dem Vergänglichen um?
Samhain und die Natur:
Warum sich Pflanzen im Herbst zurückziehen
Wer die Natur aufmerksam beobachtet, erkennt, dass Samhain nicht nur ein Fest im Kalender ist. Es ist ein Zustand, der sich überall zeigt: Die Bäume lassen ihre Blätter fallen. Viele Kräuter sterben oberirdisch ab, während ihre Wurzeln im Boden verbleiben. Einjährige Pflanzen haben Samen gebildet, die den Winter überdauern können. Andere Pflanzen bleiben grün, verlangsamen aber ihr Wachstum. Was auf den ersten Blick wie Ende und Stillstand aussieht, ist Teil eines größeren Kreislaufs. Die Natur verschwendet ihre Kraft nicht. Sie passt sich an die Bedingungen an, zieht sich zurück und bewahrt, was sie für die nächste Wachstumsphase braucht. Nicht alles, was sich zurückzieht, ist verloren. Manches ruht, manches wartet und manches hat seinen Lebenszyklus vollendet und schafft dadurch Raum für Neues.
Wir modernen Menschen sind es gewohnt, Wachstum an sichtbaren Ergebnissen zu messen. Wir freuen uns über das, was entsteht, sich zeigt und Früchte trägt. Phasen des Rückzugs empfinden wir dagegen schnell als Stillstand. Doch was wäre, wenn wir den Rückzug nicht als Scheitern betrachten würden? Wenn wir uns erlaubten, langsamer zu werden, weniger nach außen zu geben und unsere Kräfte bewusster einzuteilen? Die Natur zeigt uns, dass auch Ruhe eine Aufgabe hat und dass wir nicht ständig wachsen müssen, um lebendig zu sein.
Samhain und die Ahnen:
Die Verbindung zu unseren Vorfahren
Samhain wird häufig als Fest der Ahnen bezeichnet, denn die Verbindung zu den Verstorbenen spielt in heidnischen und christlichen Überlieferungen rund um diese Jahreszeit eine große Rolle. Der ganze November spiegelt dies wider: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag liegen allesamt im November. Und das ist kein Zufall: Im alten Europa glaubte man, dass die Seelen der Toten in dieser dunklen, nebeligen Zeit ihre Familien besuchen. Für manche scheint dies heutzutage nicht greifbar, doch für mich liegt in diesem Gedanken eine Einladung, die ganz handfest ist: Wir alle haben unsere eigene Lebensgeschichte. Vor uns gab es Menschen, die geliebt, gearbeitet, gehofft und Entscheidungen getroffen haben. Menschen, die Kinder großgezogen, Krisen überstanden, Wissen weitergegeben und Spuren hinterlassen haben. Manches davon kennen wir. Anderes ist längst vergessen. Doch eines ist sicher: Wenn nur einer unserer Vorfahren (Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw.) sich für einen anderen Partner entschieden hätte, wären wir jetzt, so wie wir hier sind, nicht geboren worden. Wenn nun zu Samhain die Tage dunkel und nebelig werden, dürfen wir uns an genau dies erinnern. Wir existieren nur, weil es viele, viele Menschen vor uns gab, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und die richtige Entscheidung getroffen haben.
Schau in diesen Tagen gern mal nach: Vielleicht gibt es alte Fotografien in Deiner Schublade, Geschichten, die in Deiner Familie immer wieder erzählt wurden oder Namen, zu denen Du kaum noch etwas weißt. Ich finde es sehr spannend, auf diese Art in die Vergangenheit zu reisen und Dinge über meine Ahnen zu erfahren. Doch oftmals stoße ich auch an Grenzen des recherchierbaren Wissens. Namen, Geburtsdaten, Wohnorte, die ich nicht herausfinden kann oder Geschichten, die von unterschiedlichen Familienmitgliedern verschieden erzählt werden. Was bleibt, ist dann einfach ein Gefühl von einem verwandten Menschen und seinen Lebensumständen, das ich nicht erklären kann. Und so tragen wir alle auch gefühlte Erinnerungen und Fragen oder ungelöste Themen mit uns, die teilweise über mehrere Generationen existieren.
Die Verbindung zu unseren Ahnen herzustellen, kann bedeuten, sich der eigenen Herkunft bewusst zuzuwenden ohne die Vergangenheit aufklären zu müssen, denn nicht alles, was wir geerbt haben, müssen wir weitertragen. Wir dürfen dankbar sein für das, was uns gestärkt hat. Wir dürfen anerkennen, was frühere Generationen geleistet und ermöglicht haben. Und wir dürfen zugleich entscheiden, welche Muster, Überzeugungen oder Ängste nicht länger zu unserem eigenen Weg gehören. Unsere Wurzeln erklären, woher wir kommen, sie bestimmen aber nicht, wohin wir gehen. Eine der wichtigsten Fragen, die wir uns zu Samhain stellen können ist daher: Was möchte ich aus meiner Herkunft bewahren und was darf mit mir enden?
Samhain-Ritual: Innehalten und den eigenen Ahnen gedenken
Du musst kein aufwendiges Ritual gestalten, um Dich Deinen Wurzeln zuzuwenden. Manchmal reicht ein ruhiger Abend, eine Kerze und ein wenig Zeit. Du könntest ein altes Familienfoto hervorholen und in Deinen Wohnräumen aufstellen. Du könntest auch Deinen Stammbaum aufschreiben, in dem Du die Namen Deiner Vorfahren recherchierst und grafisch als Baum platzierst. Vielleicht möchtest Du auch zu einem ganz bestimmten Menschen aus Deiner Familie etwas mehr erfahren und fragst andere Familienmitglieder zu diesem Menschen.
Du kannst eine Kerze anzünden und Dich erinnern: An Menschen, die Dich geprägt haben, an Geschichten, die Dir erzählt wurden, an Fähigkeiten, Werte oder Eigenheiten, die in Deiner Familie weitergegeben wurden.
Vielleicht möchtest Du auch etwas aufschreiben:
- Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten habe ich aus meiner Familie mitbekommen?
- Welche Geschichten möchte ich bewahren?
- Wofür bin ich den Menschen vor mir dankbar?
- Welche familiären Muster möchte ich bewusst verändern?
- Was möchte ich an die nächste Generation weitergeben?
Du brauchst keine Antworten auf alle Fragen. Und Du musst auch nicht alles gutheißen, was in Deiner Familiengeschichte geschehen ist. Erinnerung darf liebevoll sein, aber sie darf ebenso ehrlich sein. Ein solches Innehalten ist keine Pflicht, es ist vielmehr eine Möglichkeit, Deiner eigenen Geschichte Raum zu geben.
Samhain als Übergang:
Loslassen, erinnern und nach innen schauen
Wenn die Tage kürzer werden und die Natur sich zurückzieht, verändert sich auch unser Blick auf das Leben. Wir können nicht alles festhalten. Nicht jede Beziehung bleibt. Nicht jeder Lebensabschnitt und nicht jedes Leben lässt sich verlängern. Und nicht alles, was einmal zu uns gehört hat, muss für immer Teil unseres Weges bleiben. Samhain lädt uns ein, diese Vergänglichkeit nicht wegzuschieben. Abschied darf traurig sein. Erinnerung darf wehtun. Veränderung darf Unsicherheit mit sich bringen. Gleichzeitig entsteht in solchen Momenten oftmals ein neuer Blick auf das, was wirklich zählt. Wir erkennen deutlicher, welche Menschen uns wichtig sind. Welche Werte uns tragen. Welche Erfahrungen uns geprägt haben. Und welche Dinge wir nicht länger mit uns herumtragen möchten.
- Vom Festhalten zum Anerkennen.
- Von der äußeren Aktivität zur inneren Ruhe.
- Von der Vergangenheit zu dem, was wir daraus machen wollen.
Deshalb sollte Samhain keine Zeit sein, sich vor der Dunkelheit zu fürchten, sondern eine Einladung, in die eigene Dunkelheit zu blicken und in die Tiefe zu gehen statt an der Oberfläche zu kratzen. Denn unter der stillen Erde bleibt das Leben Teil des Kreislaufs. Nicht alles wird im nächsten Frühling wiederkommen. Aber manches wartet bereits darauf, zu seiner Zeit neu hervorzutreten.
Samhain bei Nature Code
Bei meiner Arbeit, die ich Nature Code™ nenne, betrachte ich die Natur als Spiegel unserer eigenen inneren Bewegungen. Der Jahreskreis gibt uns dabei keine festen Antworten vor, vielmehr stellt er Fragen, die uns helfen können, uns selbst bewusster wahrzunehmen. Samhain ist für mich eine Zeit, in der wir den Blick nach innen wenden dürfen. Die Sonne steht nun im Tierkreiszeichen Skorpion, bei dem es um Tiefe und Transformation geht. Wir dürfen uns fragen:
- Was ist zu Ende gegangen?
- Welche Erfahrungen haben mich verändert?
- Welche Wurzeln geben mir Halt?
- Was möchte ich aus meiner Geschichte mitnehmen und was darf ich zurücklassen?
Die Natur zeigt uns, dass Rückzug kein Widerspruch zum Leben ist. Er gehört dazu. Ebenso wie Abschied, Erinnerung und Neubeginn. Vielleicht musst Du gerade nichts Neues beginnen. Vielleicht darfst Du einfach wahrnehmen, was sich in Deinem Leben verändert hat. Vielleicht möchtest Du einer alten Geschichte nachgehen, einen Menschen in Gedanken würdigen oder Dich von etwas verabschieden, das lange zu Dir gehört hat. Und Du musst daraus nicht sofort eine Erkenntnis machen. Manchmal genügt es, einen Moment still zu werden und hinzuhören.
Die Natur lehrt uns, dass wir nicht an allem festhalten müssen, um mit uns verbunden zu bleiben.
Wir müssen nicht an unserer Geschichte festhalten, aber wir dürfen uns erinnern, sie würdigen und dann weitergehen. Genau dieser Moment ist der Anfang von etwas Neuem, das wir im Winter unter der Oberfläche der Erde kaum sehen können, das aber trotzdem zum Leben gehört. Es ist der Moment einer Transformation. Die Natur und die Sterne geben uns ständig Hinweise darauf, wo wir selbst im Jahreskreis stehen. Wir müssen nur beginnen, diese Hinweise wieder zu lesen.
Genau diese Verbindung zwischen Mensch, Natur und Kosmos nenne ich Nature Code™. Und wenn Du mehr über Nature Code™ wissen möchtest, stöbere gern hier auf meiner Webseite.
