Zum Herbstbeginn, rund um den 21.-23. September, findet ein Gleichstand, also eine Balance zwischen Tag und Nacht statt. Nach diesem Datum werden die Tage Minute um Minute kürzer und die Nächte länger. Und während tagsüber das Thermometer noch auf Temperaturen von über 20 °C klettern kann, liegt morgens kühler Tau auf den Wiesen und am Abend braucht es wieder eine Jacke. Die Natur ist zu dieser Zeit voller Fülle: Äpfel hängen an den Bäumen, Hagebutten werden reif, Nüsse liegen unter den Sträuchern und in den Gärten wird geerntet, was über den Sommer gewachsen ist. Mit der Herbst-Tag-und-Nachtgleiche stehen wir also genau zwischen der Fülle des Sommers und dem Rückzug in die dunkle Jahreshälfte. Es ist eine Zeit, um dankbar zu sein und um stiller zu werden.
Mabon
Im Wicca-Jahreskreis aus dem 20. Jhd. wird die Herbst-Tagundnachtgleiche Mabon genannt, was urprünglich der Name einer walisischen Gottheit war. Als Bezeichnung für die Herbst-Tagundnachtgleiche ist der Begriff also relativ jung und wurde erst in der modernen Neuinterpretation des Jahreskreises populär. Der astronomische Moment selbst ist natürlich viel älter, denn die Menschen haben den Lauf der Sonne beobachtet, lange bevor es unsere heutigen Kalender gab und was sie dabei sahen, war eindeutig: Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Die Ernte ist eingebracht. Die Sonne verliert langsam an Kraft und die Natur beginnt, ihre Energie wieder nach innen zu ziehen.
Im Jahreskreis markiert Mabon deshalb einen Übergang:
Vom Wachsen zum Ernten.
Vom Außen zum Innen.
Von der Fülle zum Loslassen.
Und dieser Moment des Gleichgewichts ist so wertvoll, denn bevor wir weitergehen, dürfen wir innehalten und betrachten, was genau JETZT da ist.
Die Fülle des Jahres
Was im Frühling als kleines Samenkorn begonnen hat, ist nun sichtbar geworden. Aus Blüten sind Früchte entstanden, aus einem kleinen Trieb wurde ein kräftiger Pflanzenstängel, aus dem Samen wurde Nahrung. Auch wir können an diesem Punkt des Jahres einmal innehalten und schauen: Was ist in diesem Jahr aus meinen Samen entstanden?
- Welche Ideen sind gewachsen?
- Welche Beziehungen haben sich entwickelt?
- Was habe ich aus bestimmten Situationen gelernt?
- Was darf ich jetzt ernten, vielleicht nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn?
Denn Ernte nicht bedeutet nicht nur, etwas in den Händen zu halten: Manchmal ist die eigentliche Ernte eine Erkenntnis, eine Entscheidung, eine Erfahrung oder die Gewissheit, dass etwas, das wir vor Monaten begonnen haben, tatsächlich gewachsen ist.
Einen Mabon-Altar gestalten
Eine schöne Möglichkeit, die Energie dieser Jahreszeit in den Alltag zu holen, ist ein kleiner Mabon-Altar. Dafür brauchst Du kein besonderes Möbelstück und auch nichts extra kaufen. Ein kleiner Tisch, ein Platz auf einer Kommode oder eine freie Ecke von Deinem Esstisch reichen vollkommen aus. Dieser Ort darf im Herbst zu einem Spiegel Deiner persönlichen Fülle werden. Säubere den Platz zunächst und befreie ihn von alter Deko, von Staub und Krimskrams. Lege dann z.B. ein Tuch, einen Teller oder eine Holzscheibe auf diesen Platz und darauf Deine persönlichen Dinge der Fülle. Als Beispiele habe ich Dir hier ein paar Sachen aufgelistet, die Du nutzen könntest. Sie sind aber nicht abschließend und müssen keinesfalls alle auf Deinen Mabon-Altar. Entscheide selbst, was Deine Fülle des Sommers wiederspiegelt.
Früchte & Nüsse
Äpfel, Trauben, Beeren, Nüsse, Kastanien und Kürbisse oder andere Früchte der aktuellen Jahreszeit stehen für die Ernte und die Fülle der Natur.
Gold & Geld
Ein Schmuckstück, eine Münze oder ein anderer goldener Gegenstand kann für Wert, Wohlstand und die Schätze stehen, die bereits in Deinem Leben sind.
Sommer-Erinnerungen
Eine Muschel vom letzten Urlaub, ein Foto, ein kleines Fundstück aus der Natur oder etwas anderes, das Dich an einen schönen Moment erinnert.
Fotos und Andenken
Bilder oder kleine Gegenstände von Menschen, die Dir wichtig sind, können Deinen Altar persönlich machen und sichtbar werden lassen, für welche zwischenmenschliche Beziehung Du dankbar bist.
Pflanzen
Auch Pflanzen, die Fülle und Liebe symbolisieren wie die Goldrute, eine Sonnenblume oder eine Rose können auf Deinem Altar platziert werden. Vielleicht findest Du bei Deinem nächsten Spaziergang eine Blüte, die Dich spontan anspricht.
Kerze
Die Kerze erinnert daran, dass ein kleines Licht auch dann weiterleuchtet, wenn die Tage dunkler werden. Du kannst die Farbe ganz intuitiv wählen: Gelb und Gold können für Wohlstand, Fülle und Erfolg stehen, Orange für Neubeginn und Kreativität, Rot für Leben und Liebe und Weiß für Licht, Reinheit und Heilung.
Dankbarkeit üben
Wenn Dein Altar gestaltet ist, nimm Dir einen Moment Zeit, zünde die Kerze an und betrachte die Dinge, die Du dort zusammen getragen hast. Frage Dich angesichts der Fülle: Für was bin ich dankbar? In den Industrie-Ländern ist das ständige Vorhandensein von Nahrung, Lebensmitteln aus der ganzen Welt und eine Auswahl an unterschiedlichsten Sorten selbstverständlich geworden. Doch überlege nun einmal, angesichts einer Frucht oder einer Nuss, die auf Deinem Altar liegt: Was hat es gebraucht, damit diese nun hier liegen konnte? Wieviel Wasser, wieviel Sonnenlicht, welch guter Boden und welche Hand, die sie gepflückt oder aufgesammelt hat? Betrachte die Wertgegenstände wie Schmuck oder Geld und frage Dich: Was hat dazu geführt, dass sie zu Dir kamen? Nutze so jeden Deiner Dinge auf Deinem Mabon-Altar, um Deine Dankbarkeit zu üben.
Auch zwischenmenschliche Beziehungen und Situationen in diesem Jahr dürfen wohlwollend betrachtet werden: Nicht nur das was leicht war, sondern auch das, was Dich herausgefordert hat und woran Du gewachsen bist, darfst Du dankbar anerkennen.
Du kannst in dieser Weise reflektieren über
- Menschen, die Dich begleitet haben.
- Erfahrungen, die Dich verändert haben.
- Entscheidungen, die Mut gebraucht haben.
- all die kleinen Dinge, die im Alltag so selbstverständlich sind, dass sie oft nicht wahrgenommen werden.
Lasse Deinen Mabon-Altar einige Tage, Wochen oder sogar bis zum Beginn der Weihnachtszeit stehen. Er darf Dich immer wieder daran erinnern, wieviel Fülle bereits in Deinem Leben ist. Du darfst ihn selbstverständlich auch verändern: füge Dinge hinzu oder entferne welche, wenn sie nicht mehr passend sind (oder verderben könnten).
Loslassen statt Festhalten
Während wir so die ganze Fülle aus dem Sommer bewusst wahrnehmen und uns in Dankbarkeit üben, könnten wir angesichts des kommenden Winters versuchen, den Sommer festzuhalten und weiter so aktiv sein: noch mehr Ergebnisse hervorbringen, noch mehr Termine, noch mehr ToDos… Die Natur macht es allerdings anders. Sie hält nicht fest:
- Blätter werden bunt und fallen
- Früchte lösen sich vom Baum
- Samen werden freigegeben
- Kräuter ziehen ihre Säfte in die Wurzeln zurück
- alles wird langsamer
- der nächste Zyklus wird vorbereitet
Deshalb ist die Herbst-Tagundnachtgleiche für mich auch der Beginn von Entschleunigung: Wir brauchen nicht noch alles das tun, was wir im Sommer nicht geschafft haben, sondern dürfen dankbar betrachten, was bereits da ist. Wir dürfen beginnen loszulassen von Früchten, die reif genug sind, um sie abzugeben. Das können z.B. Projekte sein, Erwartungen, ToDo-Listen, usw. Wir dürfen uns nun von Außen wieder nach Innen richten. Und dazu benötigen wir nicht mehr, sondern weniger. Weniger Aktivität, weniger Feste und Feiern, weniger Termine. Die Natur läd uns ein, mit einer kuscheligen Decke eine Tasse Tee zu trinken, früher ins Bett zu gehen, also länger zu schlafen und unseren Körper mit den Früchten des Herbstes zu stärken.
Der Herbst bei Nature Code
Der Jahreskreis ist für mich kein starres System und keine Aufforderung, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Bestimmtes tun zu müssen. Er ist vielmehr eine Einladung, wieder genauer hinzusehen. Die Natur verändert sich ständig. Und wenn wir beginnen, diese Veränderungen wahrzunehmen, können wir auch unsere eigenen Bedürfnisse leichter erkennen.
Im Frühling fragen wir dann: Was möchte wachsen?
Im Sommer: Was möchte sich aktiv zeigen?
Und jetzt im Herbst darf eine andere Frage auftauchen: Was ist bereits gereift?
Denn genau das ist die Kraft dieser Zeit: Nicht noch mehr tun, nicht noch mehr erreichen. Sondern innehalten, ernten, wahrnehmen, dankbar sein und langsam loslassen.
Die Natur zeigt uns jedes Jahr aufs Neue: Es muss nicht immer heller, schneller und größer werden, auch der Rückzug gehört zum Leben und auch die Dunkelheit hat ihren Platz. Denn genau dort beginnt wieder etwas Neues.
Die Natur gibt uns ständig Hinweise darauf, wo wir im Jahreskreis stehen.
Wir müssen nur beginnen, sie wieder zu lesen.
Und genau diese Verbindung zwischen Mensch, Natur und Kosmos nenne ich Nature Code™. Und wenn Du mehr über Nature Code™ wissen möchtest, stöbere gern hier auf meiner Webseite.
